Schnorchel ansetzen und ab geht’s auf eine Tauchstation der anderen Art. Am 12. April agierte brut im Konzerthaus als Untersee-Partyhölle des Freischwimmer-Festivals 2008. Die Begrüßung: Ein Schnaps und eine neue Identität.
by Eva Mühlbacher
Mit der Produktion Europa – Schön, dass Sie hier sind! von God’s Entertainment und der Formel: „Rausch = Identität“ wurde zum gratis Umtrunk geladen. Die Sinne wurden vernebelt und der selbst gewählte Job zu der Aufgabe sich ein kleines Taschengeld zu verdienen.
warten –
trinken –
Verwirrung –
Die Nummer wird aufgerufen –
Schön, dass sie hier sind, aber … Du kommst hier nicht rein! Jeder ist auf dieser Party willkommen, aber vergiss bloß nicht auf alle Formulare und Stempel! Das vermittelt der erste Eindruck dieser Performance-Party, dieses europäischen Happenings mitten in Wien. Fast schon zu real.
Wie auf dem Bezirksamt geht es zu, wenn man in der Schlange steht, darauf wartend, dass die eigene Nummer aufgerufen wird. Nach einer Einführungstour, die für alle Besucher, je nach Nummer, anders aussieht, bekommt man endlich den Pass, die Eintrittskarte für die Festung Europa.
Doch ab diesem Zeitpunkt geht der „Spaß“ erst richtig los. Will jemand wissen, wie man sich fühlt, wenn man beim Arbeitsamt um einen Job bettelt? Nun, hier besteht die Möglichkeit. Eine Kamera überträgt das Geschehen am Eingang zu Europa ins Innere der Festung. CCTV lässt grüssen. Im Inneren angekommen, muss man sich erst einmal in einem Job beweisen. Ab dann steht einem alles (auch die Bar) offen. Der Rausch soll ja schließlich die Identität stiften. Und so kommt es dann auch. Je später die Stunde und je höher der Promillestand bei Publikum und PerformerInnen gleichermaßen, desto höher die Bereitschaft des partywilligen Publikums auch tatsächlich die „Jobs“, die man am Arbeitsamt bekommt auszuführen. Manchmal vermisst man ein bisschen System in all dem Chaos, das sich vor einem auftut, andererseits bringt gerade das die Performance näher an die Wirklichkeit heran. Es gibt Grenzen, es gibt Passkontrollen, es gibt Verwirrung, aber irgendwie geht es immer weiter, man trifft sich bei der Striptease-Stange. Und immer und überall gibt es Kameras, die das Geschehen festhalten. Wer tanzt, und vor allem mit wem?
Was das Wiener Performance-Kollektiv God’s Entertainment hier schafft, ist eine Symbiose aus politischer Aktion à la Schlingensief und einer Party wie man sie noch selten erlebt hat. Die zentrale Frage bleibt: Kann ein Rausch Identität stiften? Bekommt man hier wirklich einen Querschnitt einer europäischen Gesellschaft präsentiert? Und wenn ja, wie soll man dann in die Zukunft blicken, optimistisch oder pessimistisch?
ein Nachbericht zur Wiener Inszenierung der GE´s Europa - Schön, dass Sie hier sind! am 12./19. April im brut wien im Rahmen des Freischwimmer Festivals 08
© Mutphoto/Barbara Braun