Sie müssen das nicht verstehen, Sie sind nicht verpflichtet um das zu verstehen, Sie sind nur verpflichtet um beschimpft zu werden, weil Sie, sowie der Schriftsteller meint, das Unmögliche möglich werden lassen.
Lauter als Bomben!
Handkes Publikumsbeschimpfung verfolgt eine retrospektive Theatergeschichte in welcher das Publikum die Hauptrolle bzw. inhaltlichen Ausgangs- Schwerpunkt übernimmt.
Die alltäglichen, ungewöhnlichen Gegenstände und Darstellungskünste eines herkömmlichen Theaterstückes werden hier entmachtet und als Lappalien der Handlung repräsentiert. Der Raum und die Zeit als essenzielle Elemente einer Inszenierung sind in diesem Fall keine wahrgenommenen Formen der Veränderungen, sondern nur dabei um eine Flexibilität herzustellen.
Das Publikum wird das Thema des Abends, das direkt in der Dunkelheit des Parterres von oben angesprochen wird um sich dabei nicht wohl zu fühlen,
weil es
nach seiner Vergangenheit gefragt wird,
nach seinen Schulden und Sünden gefragt wird, die dadurch entlarvt, entpuppt und laut angesprochen werden,
nach seiner Zukunft gefragt wird, die durch seine Vergangenheit ermöglicht wird,
nach seiner Lust ins Theater zu gehen gefragt wird, die demzufolge verringert wird,
nach seiner Realität gefragt wird, die angehend klein geschrieben wird,
nach seiner Religion gefragt wird, die zugegen säkularisiert wird um seinen Gott als tot zu erklären,
nach seiner Sicherheit gefragt wird, die nach seiner Vergangenheit bemessen wird,
nach seinen Gefühlen gefragt wird, die die Worte werden und die Worte die Fragmente der Vergangenheit werden.
Soziale Ungepasstheit?
Gods versuchen Publikumsbeschimpfung in einem ansehnlichen öffentlichen Raum Wiens mit Passantenbeteiligung zu adaptieren. Insofern, dass der Text von einem zu anderem Passanten vermittelt wird, von einer zu anderer Stelle verortet wird, von einem zu anderem Textträger getragen wird, von einem zu anderem Beschimpften verschimpft wird,… zu einer geographischen Textdezentralisierung, zu einer gemeinsamen Verantwortung für die Vergangenheit. Durch die Textfragmentierung und ihre Vermittlung entsteht eine mögliche mediale Wiederzentralisierung welche den Text aber auch in seiner Gesamtheit verfolgen lässt.
Reputation
Was sind die Fragmente der Vergangenheit? Unsere wahre Geschichte oder unsere Sünden die wir rechtzeitig nicht erkennen wollten, von welchen wir heute weglaufen müssen? Ins Theater laufen? Warum muss man im Theater moralisieren, prägen? Ist es richtiger Ort dafür? Ist die Kirche nicht dafür da? Tun wir richtig, wenn wir hingehen um uns so was antun? Warum dürften wir uns es nicht irgendwo anders antun, warum genau im Theater? Warum hören wir noch immer zu? Ist der Gott gerade hinter den Kulissen? Hat er sich dahinter versteckt um ihn dort zu suchen? Oder ist er irgendwo mit uns im Publikum? Ist er jemand von uns, den wir noch nicht kennen gelernt haben, den wir, sowie es gehört, sowie wir von unseren Eltern und in der Schule gelernt haben, kennen lernen müssen: Während man jemanden kennen lernt, muss man ihn erfahren, vor allem in Augen anscheuen! Heilige Regel. Deshalb wollten wir ins Theater um die heiligen Worte anzuhören, um dem Gott die Hand auszustrecken, um ihn menschlich kennen zu lernen und gleich demzufolge fragen zu dürfen ob er uns endlich unsere Sünden aus der Vergangenheit verzeihen kann? Wir sind nur die Menschen, die Angst vor ihm haben? Ist die Angst dafür schuld, dass wir ins Theater laufen um uns beschimpfen zu lassen? Ist die Publikumsbeschimpfung ein moralisches Prägen? Oder ist sie etwas fluides, eine Substanz, die solang wir im Theater sind an uns wirkt? Ein LSD?
Wenn nicht, warum laufen wir hin, um uns von irgendwelchen Menschen beschimpfen zu lassen? Vor allem von Schauspieler? Es muss etwas sein? Es muss. Unsere Vergangenheit ist nicht anders, als unsere Zukunft, weil wir so bescheuert sind, dass wir uns geradezu so was antun lassen, Irre.
Was ist zum Vergleich die Passantenbeschimpfung? Wohin führt sie uns? Auch in den Irrtum? Ähnliche Droge, die unsere Vergangenheit entpuppen will? Nur sind wir hier beim Gehen oder Stehen. Macht es einen Unterschied? Kein Unterschied? Werden wir hier wieder sowie im Theater beschimpft werden, sowie Herrn Handke es wollte? Heißt das, dass wir überall beschimpft werden müssen, solang uns unser Gott unsere Sünden verzeiht? Wir sind hier im Gehen, um unsere irdischen alltäglichen Ziele zu erfüllen und plötzlich spricht mich geradezu jemand an den Ohren an. Sollen diese Ohren hören? Fast so laut, dass ich mir dabei dachte, bin ich wieder an etwas schuld, habe ich wieder jemandem was getan? Muss ich wieder an meine Vergangenheit denken? Muss ich mich wieder ins Knie mit dem gebogenen Kopf vor jemandem niederknien? Sag mir lieber was ich tun muss, als meine Fehler anhören müssen? Es ist mir viel lieber. Ich halte es nicht mehr aus. Meine oder deine oder seine oder ihre oder unsere oder euere Vergehen verfolgen uns das ganze Leben. Warum jetzt wieder hier beim Gehen? Wenn sie uns das ganzen Leben verfolgen, dann kann man nicht so etwas fragen, weil man nicht weißt wann es passiert? Trotzdem, ich habe für heute genug zu tun, ich muss gehen, würden Sie mich bitte in Ruhe lassen? Warum muss ich wieder zuhören? Das habe ich bereits vor 40 Jahren. Zum Teufel, bist du wieder da? Ok. Ich befürchte, Sie werden mich nicht in Ruhe lassen, sagen Sie mir, wie kann ich behilflich sein, wie kann ich Ihnen weiter helfen? Soll ich auch jemanden beschimpfen, vielleicht wird mir das helfen um endlich einen friedlichen Vertrag mit dem Gott für die nächsten 40 Jahre Freiheit auszumachen? Meine Zukunft sieht eh nicht anders aus, als ich mich vor den Menschen schämen muss. Sogar vor mir selbst. Das reicht jetzt. Ich möchte auch jemanden auf dieser Stelle beschimpfen, wenn ich schon Recht habe. Jeder hat hier Recht den anderen zu beschimpfen. Was ist das Ergebnis? Was ist the end? Göttliche Verzeihung? Freedom? Wir sind hier nicht im Theater, wo das erlaubt ist. Wo ist hier die Erlaubnis um jemandem die Freiheit entnehmen? Warum gibt es hier die Erlaubnis, wer hat erlaubt, wer kann so was erlauben um die anderen beschimpfen zu dürfen, vor allem hier in der Öffentlichkeit. Es kann unangenehm sein, es kann wehtun, peinlich sein. Wer ist dann schuld und wer schimpft und zu wem vor allem? Wie soll ich wissen wen ich beschimpfen soll oder zumindest laut ansprechen, weil er schuld ist? Wofür, eigentlich? Ich weiß es nicht. Ich muss jemanden zuerst kennen lernen um Recht zu haben ihn eventuell dafür oder für seine Vergangenheit beschimpfen zu dürfen. Wie sicher sind wir hier jemanden zu beschimpfen, wie werden die Betroffenen reagieren, vor allem wie sicher sind wir dass wir nicht danach von der Polizei festgenommen werden? Wissen sie auch Bescheid, über die Erlaubnis? Das ist aber Irre. Echt Irre! Das ist alles wegen unserer Vergangenheit. Trotzdem, wer sind wir dass wir entscheiden dürfen über jemands Vergangenheit zu sprechen? Man muss den Jemanden erst kennen lernen um ihm so was anzutun. Eigentlich wenn man die Frage an unsere vergangenen Kriege stellt, dann lernt man das Opfer auch nicht bevor man es angreift, kennen. Das ist fast wie ein Naturgesetz, unsere Ordnung, wie bei Tieren. Warum braucht man die Erlaubnis um jemanden wegen seiner Vergangenheit zu beschimpfen? Vor allem wenn er selbst dafür nicht schuld war, war er dabei, vielleicht nicht genau er, aber doch jemand und das reicht. Es reicht Jemand. Jemand kann hier jeder sein, das reicht. Wir müssen uns noch die nächsten 100, 200, 300 Jahren gegenseitig beschimpfen, solange uns unser Gott verzeihe, weil wir an ihn glauben auch dann wenn wir nicht glauben. Um etwas zu glauben muss es erst sein und das ist unsere Schwäche.
Wissen Sie das oder haben Sie schon davon gewusst:
Hier ist die Zeit I h r e Zeit.
Hier ist der Zeitraum I h r Zeitraum.
oder
Weil wir Sie ansprechen, gewinnen Sie an Selbstbewusstsein.
Sie werden sich hier ihrer Vergangenheit bewusst,
Wissen Sie das?
Sie werden hier nicht nur beschimpf werden, wie unser Schriftsteller meinte, weil auch das Beschimpfen eine Art ist, mit Ihnen zu reden oder weil wir nun Schimpfworte gebrauchen werden, die Sie gebrauchen, sondern weil uns auch ihre Vergangenheit drüber hinaus verpflichtet, Sie dran zu erinnern. Die Fragmente ihrer Vergangenheit sind hier das Thema, darum müssen Sie sich mit ihnen auskonfrontieren, das ist genau Ihre Pflicht, sowie meine Ihnen das zu sagen. Ich muss Sie beschimpfen, damit ich mich von anderen beschimpft werden lassen kann. Das ist auch meine Pflicht, beschimpft zu werden. Jemand muss anfangen. Ich bin doch nicht der erste, ich war bereits beschimpft, aber ich bin jetzt dran Sie zu beschimpfen. Sie müssen das nicht verstehen, Sie sind nicht verpflichtet um das zu verstehen, Sie sind nur verpflichtet um beschimpft zu werden, weil Sie, sowie der Schriftsteller meint, das Unmögliche möglich werden lassen. Deswegen verpflichtet er uns, uns gegenseitig jetzt anhören. Er erinnert uns jetzt daran, und wahrscheinlich unsere Kinder danach an das selbe. Damit meinte er, dass wir Sie sind und Sie am Ende Ihr seid, die nur z.B. alles weggefegt habt, ihr KZ-Banditen, ihr Strolche, ihr Stiernacken, ihr Kriegstreiber, ihr Untermenschen, ihr roten Horden, ihr Bestien in Menschengestalt, ihr Nazischweine.
Das ist die Welt die wir oder Sie oder Ihr wahrnehmen müssen, das sind die Worte die unsere Geschichte beschreiben, das sind wir, die das anhören müssen. Jemand muss auch sprechen. Wo sind Sie schon? Schon weg? Genau, das passiert im Gehen oder Stehen. Das passiert hier, wobei man noch laufen kann. Liegt darin der Unterschied zum Theater? Was bedeutet im Theater und hier verpflichtet zu sein? Ist hier jemand verpflichtet? Heißt das, dass ich auch jetzt gehen kann? Verschwinden ohne Spuren? Aber es wird bezahlt wenn ich bleibe und weiter schimpfe. Außerdem bin ich noch im Fernsehen. Hier gibt es auch Fernseher. Es können mich doch viele dabei anzuschauen. Wir sprechen mittelbar im Fernsehen. Das wusste ich vorher nicht. Ich habe vorher nur etwas gehört, dass sie als Zentralisierung der Dezentralisierung nennen, was ich ehrlich zu sein nicht verstehe. Aber das ist geradezu die beste Möglichkeit um die Aufmerksamkeit zu gewinnen, Und wir müssen nicht Fernsehensstars sein um im Fernsehen zu reden, es kann jeder. Ich vergesse mich wieder dass hier die Zeit für alle und nur für alle ist, weil wir alle die gleiche Vergangenheit mitteilen. Deswegen müssen wir jetzt zusammen die gleiche Zukunft tragen. Ich bin im Fernsehen, das ist wichtig. Mich hört man, mich sieht man, ich bin’s. Jetzt kann ich das tun, die ganze Welt wird mich sehen und hören. Hier ist die Welt. Das wird bestimmt auf YouTube hochgeladen werden. Wenn der unsere Gott YouTube checkt, wird er mich sehen und hören. Vielleicht ist das meine beste Möglichkeit um mit ihm zu reden. Er muss uns endlich verzeihen.