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Fight Club - realtekken

Interview mit Vina Yun (TBA Magazin)

Saturday, 07.04.2007 09:15 | Archiv > Fight Club - realtekken | Comments 0

Interview fürs TBA Magazin Nr.09 - df 07


Interview mit Vina Yun (TBA Magazin)

1. Könntet ihr (über die kurze Darstellung auf eurer Website hinaus) etwas zu eurer Entstehungsgeschichte (z.B. wie habt ihr euch gefunden, wie viele seid ihr) und zu eurem (politischen) Selbstverständnis erzählen?

Boris Ceko
Das Kollektiv existiert seit 2005 und beschäftigt sich grundsätzlich mit der Performance. Gefunden haben wir uns nicht. Die Zahl der Mitwirkende ist einfach durch die verschiedenen Projekte zahlreich gestiegen. (GE zählt zurzeit 20 Mitwirkende.) GE´s Arbeiten versuchen mit den Interessen ans Theater (durch/im Theater) auf politisch-sozial-kulturelle Entwicklungsebene der Gesellschaft zu intervenieren. Meisten von uns sind die Mitglieder der FPÖ (Freiheitliche Performer Österreichs). Dadurch ist unsere Finanzierung ermöglicht worden, sonst hätte GE nicht arbeiten können.


2. "fight club / Realtekken":
Fight Club thematisiert Gewaltbereitschaft, Interventionsmöglichkeiten und Identifikationspotenziale des Publikums im rahmen eines Kampfspiels. mir scheint, dass dieser Zugang - auch angesichts herrschender Debatten über Gewalt in Video/Computergames - eher auf eine moralische Argumentation hinausläuft. auch die Hinterfragung der grenze zwischen spiel und Wirklichkeit in eurer Performance betreffend - bleibt nicht immer ein gap zwischen dem game, das durch den Festivalrahmen Legitimität erhält, und der Realität? wiederum auf die Videogames-Diskussionen zurückgreifend: ist es nicht simplifizierend zu behaupten, SpielerInnen gewalttätiger games könnten nicht mehr unterscheiden zwischen virtuell und real?

Simon Steinhauser
Zu deiner ersten Frage – ob eine Lücke zwischen Spiel und Wirklichkeit entsteht:
Fightclub spielt sehr stark mit der Frage der Selbstreflexion eines jeden selbst. Sprich - die Show die hier durch die Performer geboten wird, versucht ein "Übersichnachdenken" zu implizieren. Natürlich kann man nicht von jedem erwarten, über sein im Anschluss momentanes Denken, Fühlen, (auch während der Performance aufgetretenes) Handeln selbst zu reflektieren.
Aus Gesprächen im Anschluss kamen Outputs wie:
• von geile Show, wann gibt´s das wieder das nächste Mal?
• interessant wie das Publikum beeinflusst wird und sich mit einbezieht (Wetteinsätze, Zurufe, anfeuern, sich auf die Fläche zwischen die Performer stellen um sie am Kämpfen zu hindern)
• bis zu mir geht´s jetzt gar nicht gut, ich muss mal darüber nachdenken was die letzten 2 Stunden mit mir passiert ist.



Die Lücke die du ansprichst, die zwischen Theater und Realität entsteht oder bleibt ist in einer gewissen Art und Weise fast immer aufrecht. Sie verschwindet oft erst in dem Moment in dem man sich außerhalb des ‚Theaters’ befindet, wo der Akteur nicht mehr in der Lage ist sich als solchen zu präsentieren (gewollt oder ungewollt), Publikum zufällig anwesend ist (nicht extra wegen ihm oder seiner arbeit kommt), welches ihn nicht mehr als ‚Spieler’ wahrnehmen kann. (im weiteren Fall als Beispiel das Remake von Wien ist anders? – is it because i’m black? (Anwesende die nicht den Hut fürs Geld-einwerfen gesehen haben, haben mehrmals versucht die Akteure zu trennen, nachzufragen was hier los sei, warum jemand geschlagen wird, Autos haben gehupt, jemand hat Polizei und Rettung verständigt mit dem Hinweis ein Schwarzafrikaner würde gerade verprügelt,...) Das gleiche Konzept wird am Festival wieder aufgenommen um dem Besucher so weit als möglich eine reale Situation zu präsentieren.
Kurz: Ich kenne niemanden, der das Theater besucht um nicht etwas ‚gespieltes’ zu erwarten. Bei Fightclub haben wir versucht mittels der wirklich stattfindenden Härte der Gewalt, diese Grenze zwischen Spiel und Realität auf einem so niedrigen Level zu halten, um diese Möglichkeit der Selbstreflexion, deren Motor ja meist auch die Realität selbst ist, dem Publikum zu servieren.
Zu deiner zweiten Frage – SpielerInnen gewalttätiger Videogames könnten nicht mehr zwischen real und Wirklichkeit entscheiden?
Zu meinem engeren Bekannten- und Freundeskreis zählen Personen die regelmäßig gewalttätige Videospiele spielen, auch in Form von Rollenspielen im Internet. Ich kann aus meiner Erfahrung heraus nicht die Behauptung untermauern, dass Spielen von Gewalt verherrlichenden (Computer)Spielen so starken Einfluss auf die Wirklichkeit hätte um diese in Folge gravierend zu verändern.


3. „Krems ist anders?":
Auch in Krems ist anders? geht es um persönliche Verantwortung und das eingreifen von PassantInnen in rassistische Gewaltakte. wie führt ihr dies in strukturelle Handlungsmuster/-potenziale über? oder: welchen Beitrag können eurer Meinung nach Performances/experimentelles Theater hier grundsätzlich leisten?
Hierzu noch: in der Beschreibung der Performance ist zu lesen: "Ein Performer schlägt mit einem Baseballschläger den anderen künstlich schwarz angemalten Akteur." - warum die Entscheidung für ein solches Szenario, insb. der "schwarz angemalte" Akteur?


Nadine Jessen
GE schaffen und arbeiten in Konflikt-Räumen: diese Konflikt-Räume sind nicht nur im Theater hergestellte Öffentlichkeiten, sondern (logischerweise) auch außerhalb der kulturellen Tempelmauern zu finden: im hier und jetzt der Realität. ursprünglich wurde „Wien ist anders - Is It Because I´m Black?" auf dem Stephanplatz aufgeführt: inmitten der zahlreichen rezipientenfreundlichen Straßentheater-Aufführungen. Das konfliktpotential liegt also quasi auf der Straße. Diese Performance ist an den unmittelbaren öffentlichen Raum gebunden: in einem Theater würde eben jenes potential verringert, weil die Zuschauer auf der Straße ( Passanten ) unvorbereitet mit der Situation konfrontiert werden. Die Unterscheidung zwischen „spiel" und „Realität" muss entsprechend schnell getroffen werden. davon abhängig dann der nächste schritt im verhalten der Rezipienten: Interaktion, Verständnis, Abbruch, ... alles, was auf der Verhaltenspalette vorhanden ist, ist möglich. Über die Wirkung dieser arbeiten lässt sich spekulieren, aber vielleicht ist es sinnvoller, die ZuschauerInnen selbst zu befragen. Immerhin sind sie bei jeder Performance von GE ein wichtiger Faktor und sollten also auch in der Rezeption eine stimme erhalten.
Wenn man sich zu grundsätzlichen Äußerungen hinreißen lassen sollte: innerhalb einer Stadt, eines Kunstbetriebes zur Interaktion aufzufordern, den aufstand zu proben, Solidarität zu üben (oder eben auch nicht) , kurz : Konflikt-Räume sichtbar zu machen, zu öffnen, um in der invasorischen klammer zu bleiben; sogenannte Harmlosigkeit zu behaupten im öffentlichen Raum: das ist so eine Sache. Kunst oder Unfall? Die Reaktionen der ZuschauerInnen sollen unberechenbar bleiben, ebenso wie die Performances von GE. Ob die Interventionen im öffentlichen Raum spontan als Kunst (und somit als harmlos) zu dekodieren wissen, ob eine generelle Spielentwöhnung herrscht, all das fragen sich auch GE und stellen aus eben jenem Grund weiter soziale Experimente an und verschärfen in unterschiedlichen kulturellen Milieus das konfliktpotential.




4. Wie sehen eure bisherigen Erfahrungen mit Reaktionen des Publikums in beiden Performances aus? und vor allem: welche Veränderungen haben die Performances bei euch selbst, als einzelne und als Gruppe, bewirkt?

Boris Ceko
Wie Simon meinte, die meisten Zuschauer waren ziemlich von/nach der Performance beeinflusst. Die konnten nicht mehr unterscheiden zwischen (echten) Verletzungen und (Schau)Spiel der Performer, bzw. zwischen Realität und Spiel. Also, womit wir uns regelmäßig nachher beschäftigt haben müssen, sind die Versicherungs- Rechtfragen, da wir NICHT z.B. unsere Verletzungen im Krankenhaus einfach so anmelden konnten, wie es wirklich passiert, denn die Selbstversicherung übernimmt (in dem Fall) keine Kosten der Behandlungen.
Leider kann man nicht sagen, dass wir unabhängig von feedback unserer Performances sind. Vor allem dass unsere ästhetisch moralischen Ansätze vom Publikum geprägt sind, müssen wir dadurch unsere Meinungen täglich ändern. Deshalb ist die Aktualität und Wahrnehmung der Zeit, des Ortes, des Menschen unsere Problematik, in welcher wir wieder keinen Weg zur Attraktivität und Publizität suchen, sondern dieselbe parodieren zu versuchen. Oder umgekehrt, die Problematik der Zeit, des Ortes, des Menschen zu aktualisieren um die apriorische Suptanzialität der Menschen zu re-definieren. Unsere Performances suggerieren den Zuschauern eine Formation der Demoralisierung des Denkens. Die meisten Performances sind so weit ähnlich wie bei Platel, wo sich seine Artisten in Posen des Schmerzes werfen, wollen Verzückung erzwingen. Es muss man nicht unbedingt Heiliges suchen um das Erhabene zu inszenieren, das findet man auch im Alltäglichen, im Schmutz, in der Aggression etc., wo sich die Realität täglich widerspiegelt. Wir erfahren unsere Zukunft durch Gegenwart, wobei die Gegenwart unsere Zukunft ist.


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